Heute hat mich Justus auf einen Artikel der SZ aufmerksam gemacht, der sich in der Einleitung an dem postulierten Desinteresse der Deutschen an Italien aufhängt, aber eigentlich eine (wenn auch unvollständige) Zustandsbeschreibung Italiens wird.
In dem Artikel von Gustav Seibt tauchen viele richtige und wichtige Fakten auf, die auch mich in meiner Beobachtung Italiens umtreiben. Dinge die man in der Außensicht von Deutschland aus nur schwer nachvollziehen kann.
Und doch finde ich seinen Artikel an einigen Stellen etwas bemüht oder zu kurz gegriffen. Fast polemisiert er, ist ungerecht, beleuchtet nur die Stellen, die ihm erwähnenswert erscheinen. Er meint die deutsch-italienische Freundschaft sei so schwunglos, weil sie keine Basis mehr in der deutschen Gesellschaft, jedenfalls nicht bei den Gebildeten und der kritischen Intelligenz finde. Steile These!
So führt Seibt Lessing und Brinkmann als Beweis einer schon immer bestehenden negativen Sichtweise Italiens bzw. explizit Roms an. Er ignoriert aber, dass der zu Lessings Zeiten lebende Goethe Rom als einen Höhepunkt der abendländischen Kultur erlebt hat. Dass Martin Mosebach die Italiener als kältestes Volk der Welt bezeichnet hat, mag stimmen. Aber sein Buch Die schöne Gewohnheit zu leben: Eine italienische Reise ist kaum als eine rein negative Sichtweise Italiens zu verstehen.
Nanni Moretti als sympathischen Zausel und seine Filme als interne Lamentationen zu bezeichnen, lassen wir mal als Stilblumen gelten. Aber dabei den gerade in den deutschen Kinos anlaufenden Mein Bruder ist ein Einzelkind nicht mal zu erwähnen oder das alljährlich drei Monate durch Deutschland tourende Cinema Italia! unter den Tisch fallen zu lassen, finde ich dann doch ein bisschen wenig.
Was der Autor mit dem politischen Katholizismus und damit der solidesten Brücke meint, weiß nur der Teufel oder sein Lektor. Ich denke beim politischen Katholizismus und Italien schnell an den Fakt, dass dieser bis zum Ende des Zweiten Weltkrieg weitgehend von der politischen Teilhabe ferngehalten wurde, und der Süden eben nie wirklich vom alten, agrarischen Europa in die moderne Industriegesellschaft überging, obowohl im Nackriegs-Italien bis zum Ende des Kalten Krieg der poltische Arm des Katholizismus, die Democrazia Cristiana, fast ununterbrochen an der Macht war.
Seibt zählt noch viele weitere aktuelle Themen auf, die wir Deutschen staunend betrachten. Berluska III, Post-Faschisten, Mafia, Skinheads in Verona, das Müllproblem, der Zusammenhalt Italiens als Nationalstaat …
Bei dem kann man nicht widersprechen. Vielleicht ergänzen, anders gewichten … Aber ja, das sind Seiten an Italien, die zumindest mich manchmal nachdenklich machen.
Doch wo ich dem Autor trotzdem nicht zustimmen kann, ist dass es deswegen eine Entliebung der Deutschen geben würde. Kaum einer möchte heute noch so essen, wie bevor Olivenöl, Pecorino, Basilikum und Pasta zu uns gekommen sind. Ich habe noch nicht erlebt, dass jemand einen Literatur-Tip zu z.B. Lucarelli oder einen aktuellen Kino-Tip desinteressiert bescheiden hätte, im TV kommt auch alle naslang was aus und über Italien und nicht zuletzt steigen dieses Jahr die deutschen Italien-Urlauber-Zahlen wieder.
Und ist nicht eigentlich der Artikel selber ein Beweis, dass es das postulierte Desinteresse gar nicht gibt? Nur eben das, was es in Wahrheit auch schon in den 70ern und 80ern gab? Ein Unverständnis über viele Aspekte der politischen und sozialen Verhältnisse Italiens. Der Widerspruch zum verklärten Blick auf das Land wo die Zitronen blühen, wo der Chianti herkommt, das Essen schmeckt und die Leute netter sind.
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